Wie Wähler wirklich wählen

23.09.2013, Osnabrück

TNS-Emnid-Geschäftsführer gab Einblicke während Politischer Mittagspause bei Piepenbrock

Wie entscheidet sich der Wähler 2013 für eine Partei? Diese Frage beantwortete Klaus-Peter Schöppner im Piepenbrock Service Center bei der „Politischen Mittagspause“ vor Osnabrücker Unternehmern und Medienvertretern. Die Teilnahme des Geschäftsführers von TNS Emnid als Key-Note-Speaker war ein Novum. Bislang hatten sich ausschließlich Politiker den Fragen des jährlich stattfindenden Stammtisches des Industriellen Arbeitgeberverbands Osnabrück-Emsland gestellt. Schöppners Fazit: Der Stammwähler stirbt aus und der Bürger sucht nach den Werten des „ehrbaren Kaufmanns“. Wahlen seien immer schwieriger vorhersagbar und sogar Parteien wie die CDU stünden erstmals vor einem Nichtwählerproblem und der Unsicherheit: Wie verhalten sich die Wechselwähler? Gleichzeitig zog er Parallelen zum wirtschaftlichen Handeln von Unternehmen und analysierte, wie sie sich die Erkenntnisse aus den Umfragen zu Nutze machen könnten.
 

Sicherheit und Vertrauen bieten


„Die Komplexität nimmt zu, die Bürger verstehen die Politik nicht mehr“, stellte Schöppner fest. „Dennoch müssen sie politisch entscheiden.“ In einer unsicheren, sich verändernden Welt mit Herausforderungen wie Globalisierung und demographischer Entwicklung seien politische Vertreter bei Wahlen erfolgreich, die Vertrauen, Fairness, Zukunftssicherheit und das Versprechen bieten, möglichst geringe Risiken einzugehen. „Der Faktor ‚Zufall’ nimmt zu und mit ihm das Gefühl ‚Ich habe mein Leben nicht mehr in der Hand’“, erläuterte er. „Es entsteht erstmals ein Langfristpessimismus, externe Faktoren nehmen immer größeren Einfluss auf das Leben.“ Gleichzeitig erläuterte er die Gründe, die ursächlich für den zunehmenden Politikverdruss seien. Dazu gehörten mangelnde Transparenz, Starrheit der Meinung und fehlende Zuverlässigkeit. Die Antwort auf seine Kernfrage gliederte Schöppner in zehn Thesen.

1. „Ich wähle Verstehen.“

In einer medialisierten und überemotionalisierten Welt können Politiker nicht mehr durch Worte überzeugen, sondern müssen dreidimensionale „Gedankenbilder“ in den Köpfen der Wähler erzeugen. Dazu gehört es Alltagserfahrungen einzubringen und dem Phänomen vorzubeugen, jeder Aussage des politischen Kontrahenten schlicht zu widersprechen. „Wir verstehen Politik nicht mehr, weil Politik nicht mehr auf Konsens, sondern auf Dissens ausgerichtet ist“, unterstrich Schöppner und wies auf die Gefahr des Agenda Settings hin. „Lediglich das Thema ist noch entscheidend, nicht mehr die Zusammenhänge.“ Beispiele dafür sind positive Wortkreationen wie „Mindestlohn“, die positive Konnotationen beim Wähler hervorriefen, aber – im Detail erklärt – das Gegenteil bewirken könnten.

2. „Ich wähle Kümmern.“

Wenn keiner mehr den Weg kennt, weil die politischen Themen komplexer werden und zunehmend der Überblick sowie das Verständnis für die Zusammenhänge verloren gehen, dann entsteht Zweifel an der Parteienkompetenz. Parteien werden für inkompetent gehalten. „Der Kümmerer gewinnt, wo Kompetenz versagt“, erläuterte Klaus-Peter Schöppner und nannte als Beispiel die vergangene Landtagswahl in NRW, bei der sich Hannelore Kraft in ihrer Rolle als fürsorgliche Landesmutter gegen ihre Kontrahenten durchsetzte. „Inhalte werden nur noch über Personen verständlich, emotionale Attribute gewinnen an Bedeutung.“ Es empfehle sich etwa, Fehler einzugestehen und das Gefühl zu erzeugen: „Das ist einer von uns!“

3. „Ich wähle Klarheit und Zuverlässigkeit.“

Parteien sollten sich als Marke verstehen, die es weiterzuentwickeln gilt. Dafür ist es notwendig ein Dachmarkenkonzept zu entwickeln an dessen Anfang die Frage steht, wofür die Partei eigentlich steht. Der Wähler erhält den Eindruck, dass es beliebig ist, wen er wähle, wenn alle Parteien große Schnittmengen in ihren politischen Programmen aufwiesen. Wer sich klar positioniert, kann punkten.

4. „Ich wähle Aktivität.“

„Wer handelt, wird nicht behandelt“, machte Schöppner deutlich. Aktivität stehe für Kompetenz und es sei notwendig in Zeiten des Wahlkampfes dem eigenen Team eine Siegeserwartung einzuimpfen. Dazu gelte es herauszufinden, wo man glaubt, etwas gemeinsam zu haben.

5. „Ich wähle Zukunftssicherheit.“

Die Umfragen der letzten Jahre zeigen, dass trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland in der Bevölkerung dennoch ein latentes Gefühl der Zukunftsunsicherheit vorherrscht. Das lange gültige Leitbild, dass es den eigenen Kindern einmal besser gehen wird, verblasst. Themen wie die demografische Entwicklung, Geldwertstabilität, die sprunghafte Weiterentwicklung der Kommunikationstechnologien oder die Globalisierung trüben die Wahrnehmung dessen, was vor einem liegt. Der Faktor Zufall nimmt zu und mit ihm der Eindruck, das Handeln nicht mehr in der eigenen Hand zu haben. Schöppner sprach von einem Verlust der „Wenn-dann-Relation“, da externe Faktoren einen größeren Einfluss ausüben, die man selber nicht mehr steuern könne. „Wir müssen Abschied nehmen vom Gewohnten“, sagte er. „Es gewinnt die visionsgesteuerte Politik. Diejenige Partei setzt sich durch, die das Sicherheitsgefühl zurückgeben kann.“

6. „Ich wähle die gute Wirtschaft.“

Die Erhardt’sche Gleichung, dass es dem Volk gut gehe, solange es der Wirtschaft gut geht, verliert laut Schöppner an Bedeutung. Wenn Arbeitsplätze gestrichen würden, obwohl es dem Unternehmen gut gehe, strahle dies auf andere ab. Das Bild der Wirtschaft ist zwiespältig, denn auch wenn die Politik der Wirtschaft gute Bedingungen bereitet, muss letztere Sozialverantwortung übernehmen. „Das entspricht dem Bild des ehrbaren Kaufmanns“, konstatierte Schöppner. Die Realität sehe allerdings anders aus. Um erfolgreich zu sein, sollten der Mittelstand und insbesondere die Familienunternehmen als Vorbild gesehen werden. Ziel solle die „Renaissance der ‚Wenn-dann-Beziehung’“ sein. Das Geschäftsklima soll laut Schöppner durch das „Wir“ gekennzeichnet sein, auch die faire Gehaltsverteilung müsse wieder in den Fokus genommen werden. Es könne nicht mehr grundsätzlich von linearen Berufsverläufen mit steigenden Gehältern ausgegangen werden.

7. „Ich wähle Ambivalenz statt Starrheit.“

Die Bevölkerung unterliegt einer Fragmentierung, die dazu führt, dass jeder „seine eigene Welt“ hat. Es herrscht eine Vielfalt von Einstellungen, Meinungen und Interessen. Eine Partei kann es sich also nicht mehr leisten, Absolutpositionen einzunehmen. Schöppner: „Ich muss auch dem Anderen einen Stellenwert einräumen. Dazu muss ich aber seine Position kennen. Nur so kann ich Größe durch Kompromiss beweisen.“

8. „Ich wähle soziale Gerechtigkeit.“

In der Diskussion um die Spaltung der Gesellschaft und dem Entstehen von Klüften zwischen den Bevölkerungsgruppen sollte die Akzeptanz der Ungleichheit einziehen. Die Debatte darum, was „man tut“ und „man nicht tut“, gewinnt an Bedeutung. Dabei soll der gute Bürger hervorgehoben werden.

9. „Ich wähle Transparenz und Bürgerlobbyismus.“

In den Augen des Wählers materialisiert sich das Bild des abgehobenen Politikers. Als Beispiel nannte der TNS-Emnid-Chef, dass immer weniger Bauprojekte in Deutschland pannenfrei realisiert werden und dachte da beispielsweise an Stuttgart 21 oder das Berliner Großflughafenprojekt. Empörung rege sich häufig kurz vor Toresschluss in der Bevölkerung, weil im Vorfeld nicht transparent genug gemacht würde, wie das Vorhaben aussehe und sich der Bürger dementsprechend zu wenig in das jeweilige Projekt einbezogen fühle. Schöppners Lösung ist, von vornherein das Volk einzubeziehen und die Transparenz hoch zu halten sowie ein Sprachrohr zu bieten.

10. „Ich wähle Vertrauen.“

Die zehnte ist die umfassendste und gleichzeitig wichtigste These, da sie die vorher genannten miteinander in Verbindung bringt. Wo die Parteien nicht auf das Schlagwort „Kompetenz“ setzen können, weil die Zusammenhänge nicht mehr verständlich sind, kommen emotionale Faktoren zum Tragen. Als Konsequenz solle laut Schöppner die Politik des symbolischen Handschlags an Bedeutung gewinnen, Sach- sollten vor Machtentscheidungen stehen. Ein wichtiges Thema sei die wirtschaftliche Ethik, der entscheidende Begriff die Fairness. Daraus könnten auch Unternehmen lernen: Wie gehen sie mit ihren Mitarbeitern um? Gleichzeitig stelle sich auch die Frage danach, wie die Mitarbeiter im Gegenzug mit dem Unternehmen umgingen. Als Hausaufgabe gab Klaus-Peter Schöppner daher den Anwesenden die „neue deutsche Rechtschreibung“ mit auf den Weg. Er rief sie dazu auf, in den Verträgen zukünftig die Silbe „ver-“ mit „fair-“ zu ersetzen. Die Motivation, die daraus entstehe, führe zu völlig neuen Formen des wirtschaftlichen Miteinanders.


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Quelle: www.piepenbrock.de

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Politische Mittagspause: Wie Wähler wirklich wählen
Olaf Piepenbrock begrüßte seine Gäste aus Wirtschaft und den Medien zur Politischen Mittagspause des IAV. (Bild: Piepenbrock)
Politische Mittagspause: Wie Wähler wirklich wählen
Das Publikum lauscht den Begrüßungsworten im Konferenzraum von Piepenbrock an der Hannoverschen Straße. (Bild: Piepenbrock)
Politische Mittagspause: Wie Wähler wirklich wählen
TNS-Emnid Chef Klaus-Peter Schöppner gab Einblicke, wie der Wähler von heute wählt. (Bild: Piepenbrock)
Politische Mittagspause: Wie Wähler wirklich wählen
Im Anschluss an seinen Vortrag beantwortete Schöppner die Fragen des Publikums. (Bild: Piepenbrock)
Politische Mittagspause: Wie Wähler wirklich wählen
Olaf Piepenbrock, Klaus-Peter Schöppner (TNS Emnid) und Sabine Stöhr (IAV Osnabrück-Emsland, v. l.).