Das Gebäudereinigerhandwerk ist besser als sein Ruf

Osnabrück, 04.06.2020

Mit 670 000 Beschäftigten ist die Gebäudereinigung der größte Handwerkszweig in Deutschland. In der öffentlichen Wahrnehmung ist sie häufig mit dem gesetzlichen Mindestlohn verknüpft. Dabei ist dieses Handwerk besser als sein Ruf: Seit vielen Jahren gibt es einen Tarifvertrag, der Löhne teils deutlich über dem Mindestlohnniveau festschreibt. Darüber hinaus ermöglicht die Gebäudereinigung vielfach auch ungelernten oder gering qualifizierten Kräften den Zugang zum Arbeitsmarkt. Eine neue Studie des Branchenexperten Prof. Dr. Markus Thomzik liefert nun eine faktenbasierte Grundlage für den Diskurs rund um die Lohnentwicklung in der Gebäudereinigung.

Eine expansive Lohnentwicklung, ein Lohnniveau deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn und eine integrative Funktion für gering qualifizierte Beschäftigte auf dem Arbeitsmarkt – diese Aspekte zeichnen laut Prof. Dr. Markus Thomzik das Handwerk der Gebäudereinigung aus. Thomzik hält die Professur für Betriebswirtschaftslehre, Innovations- und Facility Management an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen und ist darüber hinaus am Institut für angewandte Innovationsforschung der Ruhr-Universität Bochum tätig. In der nun veröffentlichten Studie analysiert der Branchenexperte das Gebäudereinigerhandwerk hinsichtlich seiner Beschäftigtenstruktur sowie wettbewerblichen und ökonomischen Facetten. Dabei stehen vor allem die Lohnentwicklung der Branche im Vergleich zum gesetzlichen Mindestlohn und weiterer Branchen im Fokus.

Löhne für Gebäudereiniger stiegen stetig

Die Studie legt dar, dass im Segment der Gebäudereinigung eine expansive Lohnentwicklung zu beobachten ist. Der Reallohn für abhängig Beschäftigte in Deutschland über alle Branchen stieg zwischen 2013 und 2019 um nur 9,2 Prozent, während der Reallohn für Gebäudereiniger um mindestens 11,1 Prozent anstieg. Im Tarifgebiet Ost stiegen die Löhne im Gebäudereinigerhandwerk in diesem Zeitraum sogar um mindestens 24,5 Prozent. Ein wesentlicher Faktor hierfür ist die Angleichung der Löhne zwischen den westlichen und östlichen Bundesländern. Die Gebäudereinigung zählt zu den ersten Branchen, die eine solche Angleichung vornimmt.

Niveau der Lohnentwicklung deutlich über Mindestlohn

Als Benchmark zur Einordnung der Löhne im Gebäudereinigerhandwerk zieht Thomzik den gesetzlichen Mindestlohn heran. Die Entlohnung sämtlicher Lohngruppen nach Lohntarifvertrag der Gebäudereinigungsbranche liegen Ende 2020 mindestens 15,51 Prozent über Mindestlohnniveau. Bereits bei Einführung des gesetzlichen Mindestlohns erhielten Gebäudereiniger im Tarifgebiet West einen um 12,35 Prozent höheren Lohn, als im Mindestlohngesetz vorgesehen. Hinsichtlich der Steigerung der Löhne entfernt sich das Gebäudereinigerhandwerk folglich zunehmend vom gesetzlichen Mindestlohn. Während dieser seit seiner Einführung am 1. Januar 2015 bis zum 31. Dezember 2020 eine kumulierte Steigerung von 9,7 Prozent vollzogen hat, liegt die Steigerungsrate für Gebäudereinigerlöhne im gleichen Zeitraum für die Lohngruppe 1 bei kumulierten 12,46 Prozent im Tarifgebiet West beziehungsweise sogar 24,48 Prozent im Tarifgebiet Ost. Mit diesen Lohnsteigerungen entfernt sich das Gebäudereinigerhandwerk außerdem zunehmend von anderen Branchen wie der Fleischindustrie oder Wäschereidienstleistungen, die sich nach wie vor am Niveau des Mindestlohns orientieren.

Enorme Bedeutung für den Arbeitsmarkt

Die Gebäudereinigung ist mit insgesamt 670 000 Beschäftigten der größte Handwerksbereich in Deutschland. Dabei hat sich der Anteil geringfügig Beschäftigter in den letzten 10 Jahren von etwa 50 Prozent auf 36 Prozent reduziert. Nach wie vor ist die Branche geprägt von einem hohen Frauen- und Ausländeranteil und gehört gleichzeitig zu den Wirtschaftsbereichen, die für weniger qualifizierte und qualifizierbare Arbeitskräfte einen Arbeitsmarkt bieten. Jeder Zweite bis Dritte Beschäftigte in der Gebäudereinigung hat laut aktueller Studie keinen Berufs- oder Studienabschluss. Die Gebäudereinigung öffnet damit ungelernten Mitarbeitern ein wichtiges Tor in ein Beschäftigungsverhältnis und nimmt eine integrative Funktion wahr. „Die Branche bietet vielfältigste Jobs und Chancen zum beruflichen Aufstieg sowohl für Akademiker als auch für ungelernte Arbeitskräfte – und das mit einem auskömmlichen Lohn“, macht Arnulf Piepenbrock, Geschäftsführender Gesellschafter der gleichnamigen Unternehmensgruppe, die Vorteile deutlich.

Öffentliche Wahrnehmung versus Ist-Situation

Diese positiven Rahmenbedingungen fänden sich laut Arnulf Piepenbrock allerdings nicht in der öffentlichen Wahrnehmung wieder: Hier herrsche nach wie vor die Meinung vor, dass Reinigungskräfte schlecht bezahlt seien – als Begründung diene oft der gesetzliche Mindestlohn. „Die Darstellung der Gebäudereinigung in enger Verbindung mit dem Mindestlohn ist aus meiner Sicht nicht angemessen“, so Piepenbrock weiter. „Noch immer wissen nur Branchenkenner, dass die Löhne in der Gebäudereinigung teils weit über dem Niveau des gesetzlichen Mindestlohns liegen und unser Handwerk auch im Vergleich zu anderen Branchen gut dasteht.“ Reinigungskräften werden in der breiten Öffentlichkeit vermeintlich geringe Löhne zugeschrieben, zudem sei auch die Wertschätzung gegenüber der von Ihnen erbrachten Leistung in der Vergangenheit oft nicht ausreichend vorhanden gewesen. „Reinigungskraft war lange kein attraktiver Beruf – leider! Umso mehr freut es uns, dass Sauberkeit und Hygiene, und damit auch die Reinigungskräfte, durch die Corona-Pandemie eine ganz neue Wertschätzung vom Kunden und in der Öffentlichkeit erfahren“, so Piepenbrock. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine aktuelle Forsa-Umfrage: Nach dieser halten 96 % der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland das Gebäudereinigerhandwerk in der Corona-Krise für wichtig oder sehr wichtig.

Langfristig höhere Wertschätzung wünschenswert

Jeder Einzelne sei gefordert, dass diese Wertschätzung gegenüber Reinigungskräften auch langfristig erhalten bleibe, so Piepenbrock. „Unter Berücksichtigung der aktuellen Wirtschaftslage, sowie der in den vergangenen Jahren realisierten deutlichen Lohnerhöhungen, gibt es aktuell nur bedingt Spielraum für weitere Lohnsteigerungen. Deshalb gehen wir neue Wege, um Wertschätzung auf eine andere Weise vermitteln zu können“, erklärt er. Sein Unternehmen drückt diese Wertschätzung unter anderem durch die Kampagne „Wir sind Piepenbrocker!“ aus. „Vor einem Jahr haben wir diese Kampagne gestartet, in der unsere Mitarbeiter von ihrer persönlichen Geschichte und ihren Tätigkeiten in unserem Unternehmen erzählen. So geben wir unseren Piepenbrockern eine Stimme“, berichtet Arnulf Piepenbrock. Die individuelle Perspektive und Geschichte der Reinigungskräfte unterstreichen dabei die  Ergebnisse des Faktenchecks. Gleichzeitig baut Piepenbrock darauf, dass diese Mitarbeiter mit ihrer Stimme auch in der Öffentlichkeit Wertschätzung finden. „Unsere Piepenbrocker sind Dienstleister. Sie dienen und leisten im Wortsinne viel. Gemeinsam mit ihnen das Image der Branche weiterzuentwickeln und für Wertschätzung zu werben, ist uns ein wichtiges Anliegen“, führt der Geschäftsführende Gesellschafter aus. Diese Wertschätzung lasse sich beispielsweise auch durch verbesserte Arbeitszeiten ausdrücken, die gleichzeitig das Berufsbild des Gebäudereinigers noch attraktiver gestalten. „Daher ist es ebenso wichtig, dass wir gemeinsam mit unseren Auftraggebern dafür sorgen, eine tagesbegleitende Reinigungsausführung umzusetzen. Auch für eine Arbeitszeiterhöhung unserer Reinigungskräfte sind wir auf die Kooperation aller Beteiligten angewiesen“, merkt Piepenbrock an.

Die vollständige Studie kann hier eingesehen und heruntergeladen werden.

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