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Interview mit Prof. Dr. Michael Aßländer: Starkes Zeichen für gelebte Werte
Kontakt: Laura Bisaccia Datum: 11 Mai 2026 Lesedauer: 5 Minuten Kategorien: Nachhaltigkeit Themen: Nachhaltigkeit, Osnabrück, Unternehmen
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Die Piepenbrock Unternehmensgruppe ist mit dem Preis für Unternehmensethik des Deutschen Netzwerkes Wirtschaftsethik – EBEN Deutschland e. V. (DNWE) ausgezeichnet worden. Die Jury würdigte das Unternehmen für seine besondere Integrationsleistung im Arbeitsalltag – und sein klares Bekenntnis zu einem verbindlichen Wertesystem. Prof. Dr. Michael Aßländer, Jurymitglied, erläutert im Interview, woran sich gelebte Werte erkennen lassen – und warum Ethik weit mehr ist als Compliance.
Herr Prof. Dr. Aßländer, Sie sind Mitglied der Jury des DNWE-Preises für Unternehmensethik. Was hat bei Piepenbrock letztlich den Ausschlag für die Auszeichnung gegeben?
Wir haben uns als Preisjury dafür entschieden, den Preis für Unternehmensethik des Deutschen Netzwerks Wirtschaftsethik 2025 an die Firma Piepenbrock aufgrund ihrer ethisch orientierten Integrationsleistungen von Beschäftigten zu vergeben. Piepenbrock ist sich der Bedeutung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewusst.
Ziel ist die Inklusion aller Beschäftigten und die Schaffung einer eigenen „Piepenbrock-Kultur“. Prägend hierfür ist ein Verständnis als „Familienbetrieb“, der sich durch schlanke Hierarchien, Ansprechbarkeit der Unternehmensleitung und Fehlerkultur auszeichnet.
Die Jury hat besonders die gelebte Integrationsleistung im Arbeitsalltag hervorgehoben. Warum ist gerade dieser Aspekt aus ethischer Sicht so relevant für Unternehmen heute?
In einem zunehmend multikulturell geprägten Umfeld gewinnt der sensible Umgang mit anderen Kulturen und die Achtung anderer Traditionen zunehmend an Bedeutung. Piepenbrock bemüht sich hier vorbildlich um die Integration unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen. So sollen Beschäftigte „weiterentwickelt“ und Karrierepfade aufgezeigt werden.
Zur Fortbildung existiert ein breit gefächertes Angebot in der eigenen „Piepenbrock Akademie“. Dieser sensible Umgang mit anderen Kulturen spiegelt sich auch bei der Zusammenstellung der Arbeitsteams wider, die soweit möglich entsprechend der jeweiligen Muttersprache der Beschäftigten zusammengestellt werden.
Der DNWE-Preis zeichnet Unternehmen aus, die Ethik nicht nur formulieren, sondern umsetzen. Woran erkennen Sie als Jurymitglied, ob Werte tatsächlich im Alltag ankommen?
Neben einer gründlichen Recherche anhand der verfügbaren Unternehmensdaten bemühen wir uns als Jury stets, mögliche Preisträger vor Ort zu evaluieren, um uns so einen Eindruck von der gelebten Unternehmenskultur verschaffen zu können. Man mag hier einwenden, dass derartige Eindrücke stets subjektiv sind. Andererseits ist es aber gerade dieser persönliche Eindruck, der das Bild, das wir uns von einem künftigen Preisträger machen, abrundet.
In aller Regel merkt man vor Ort sehr schnell, ob das seitens eines Unternehmens in seiner Außendarstellung erzeugte Bild mit der gelebten Kultur im Unternehmen übereinstimmt. Auffällig im Hause Piepenbrock war hier für uns beispielsweise das „harmonische Miteinander“ der beiden Geschäftsführer, das die gelebte Unternehmenskultur anschaulich widerspiegelte.
Piepenbrock ist ein familiengeführtes Unternehmen mit über 100 Jahren Geschichte. Welche Rolle spielen Eigentümerstruktur und Unternehmenskultur, wenn es um glaubwürdige Unternehmensethik geht?
Eine Unternehmenskultur wird immer geprägt von starken Führungspersönlichkeiten. Auch die moralischen Ansprüche, die innerhalb der Ausrichtung der jeweiligen Unternehmenspolitik zum Tragen kommen, werden hierdurch maßgeblich beeinflusst. In gewisser Weise sind familiengeführte Unternehmen, die auf eine Familientradition und gemeinsam geteilte Werthaltungen zurückgreifen können und sich nicht ausschließlich an den Gewinninteressen der Anteilseigner ausrichten müssen, im Vorteil. In diesen Unternehmen fällt es oftmals leichter, Werthaltungen konkret in der Alltagspraxis einzubringen.
Allerdings besteht hier auch die Gefahr, dass diese Werte den Generationenwechsel in den Unternehmen nicht überdauern. Jedoch zeigt Piepenbrock, dass es dem Unternehmen nicht nur gelungen ist, an den Werten des Unternehmensgründers festzuhalten, sondern diese Werte auch von Generation zu Generation zu ergänzen und erfolgreich fortzuschreiben.
In Ihrer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigen Sie sich intensiv mit Wirtschafts- und Unternehmensethik. Wo sehen Sie aktuell die größten ethischen Herausforderungen für Unternehmen in Deutschland?
Wenn Sie mich tatsächlich in meiner Rolle als Wirtschaftsethiker ansprechen, sehe ich vor allem die Gefahr, dass die eigenständige Reflexion ethischer Fragen und Probleme in Unternehmen zunehmend in den Hintergrund tritt. Im Vordergrund stehen vermehrt extern vorgegebene „ethische“ Standards, die durch zahlreiche Regularien und Gesetze vorgeschrieben werden. Ethik, also das Nachdenken über das
moralisch richtige Verhalten, wird so ersetzt durch „Compliance“, also die Frage, wie gesetzliche Vorgaben im Unternehmen umgesetzt werden könne. Dies spiegelt aber eine sehr verkürzte Sicht wider, denn Ethik ist letztlich mehr als die Einhaltung bestimmter Regeln. Niemand würde jemanden, der mit seinem Fahrzeug an einer roten Ampel hält, für ethisch vorbildliches Verhalten loben.
Nachhaltigkeit wird oft stark mit Umwelt- und Klimaschutz verbunden. Welche Bedeutung hat aus Ihrer Sicht die soziale Dimension von Nachhaltigkeit – insbesondere in personalintensiven Branchen wie den Gebäudedienstleistungen?
In der Tat hat es innerhalb der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion den Anschein, als ob es vor allem um Umweltschutz, also ökologische Nachhaltigkeit, geht. Dies hat nicht zuletzt wohl damit zu tun, dass ökologische Nachhaltigkeit anschlussfähig ist an eine durch Kennzahlensysteme und operationalisierbare Leistungskriterien geprägte wirtschaftswissenschaftliche Denkweise.
Hier lassen sich die Reduktion von Treibhausgasemissionen oder Einsparungen beim Energieverbrauch eben besser erfassen als die Integration von Beschäftigten in den ersten Arbeitsmarkt und die damit erbrachte soziale Leistung eines Unternehmens. Es ist aber eben gerade diese Leistung, die für unsere Preisjury maßgeblich entscheidend war, das Unternehmen Piepenbrock auszuzeichnen.
Sie haben bei der Preisverleihung betont, wie wichtig „Handeln mit Haltung“ in der heutigen Zeit ist. Was bedeutet das konkret für Führungskräfte und Entscheider?
Hier geht es meines Erachtens vor allem um Authentizität. Auch wenn der Begriff wohl schon etwas abgenutzt erscheint, da er wohl zu oft und für zu viel Verschiedenes verwendet wird, bezeichnet er dennoch etwas sehr Wesentliches: nämlich das Festhalten an den eignen Werten und Prinzipien, auch dann, wenn dies manchmal als unbequem erscheint oder
mitunter sogar mit Kosten, beispielsweise in Form entgangener Aufträge, verbunden sein mag. Dies erfordert Mut und gegebenenfalls Ausdauer; dies geht mitunter auch mit Kritik von außen einher. Aber gerade diese „Standhaftigkeit“ ist es, die letztendlich die Wertorientierung eines Unternehmens glaubwürdig erscheinen lässt.
Wenn Sie auf Piepenbrock blicken: Welche Impulse kann das Unternehmen mit seinem Ansatz anderen Organisationen mit auf den Weg geben?
Zunächst einmal gilt es zu beachten, dass Piepenbrock als Dienstleistungsunternehmen mit einer sehr spezifischen Beschäftigtenstruktur nicht ohne weiteres mit anderen Unternehmen verglichen werden kann. Hinzu kommt wohl auch, dass sich ein Unternehmen zahlreiche der von uns als vorbildlich eingestuften Maßnahmen zur Förderung der Mittarbeiterinnen und Mitarbeiter wohl erst ab einer bestimmten Betriebsgröße leisten kann. Doch trotz dieser Einschränkungen
kann die Sensibilität der Unternehmensleitung im Umgang mit Beschäftigten mit sehr unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und das strikte Eintreten gegen Diskriminierung durchaus als Vorbild dienen. Hinzu kommen eine persönliche Führungskultur, die Leistung anerkennt und honoriert, und Beschäftigte dazu ermutigt, Fortbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen zu nutzen. All dies, ließe sich, wenn auch in angepasster Form, auch in anderen Unternehmen umsetzen.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was motiviert Sie persönlich, sich seit vielen Jahren für Unternehmensethik zu engagieren. Was gibt Ihnen Hoffnung, dass ethisches Wirtschaften weiter an Bedeutung gewinnt?
Um ehrlich zu sein, es ist wohl eher die Erkenntnis, dass die Forderung nach mehr Moral in der Wirtschaft auch weiterhin nicht an Aktualität verlieren wird.
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