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„Neues Maß an gesellschaftlicher Wertschätzung“

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Im Interview: Wolfgang Molitor, Hauptgeschäftsführer des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV)

Wolfgang Molitor hat Anfang 2022 die Hauptgeschäftsführung des Bundesinnungsverbandes des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) übernommen – und damit Johannes Bungart nach über 30 Jahren abgelöst. Im Interview blickt Molitor auf sein erstes Jahr beim BIV zurück, thematisiert die Verbandsarbeit und spricht über Trends sowie künftige Herausforderungen in der Branche.

Seit über einem Jahr sind Sie Hauptgeschäfts-führer des BIV. Bis Ende 2022 teilten Sie sich die Amtsgeschäfte mit Johannes Bungart. Wie haben Sie das letzte Jahr erlebt?

Der Vorteil der gemeinsamen Geschäftsführung mit Johannes Bungart war, dass wir uns beide zu meinem Amtsantritt schon über ein Jahrzehnt lang kannten. Bis dahin hatten wir – was ohnehin ein Kennzeichen unseres Verbandes ist – immer sehr vertrauensvoll zusammengearbeitet. Das war gerade, aber nicht nur in der Corona-Pandemie der Fall. Zudem war es hilfreich, dass mir die Strukturen des Bundesinnungsverbandes und die Abläufe in den Landesinnungen wohlbekannt sind.

Allerdings konnte ich erst an der Seite und durch die große Unterstützung von Bungart in die entscheidenden Beziehungsgeflechte, quasi in die Nervenbahnen einer erfolgreichen Verbandsarbeit eindringen. Außerdem habe ich das Jahr dafür genutzt, mich auch auf Ebene der einzelnen Innungen vorzustellen. Alles in allem war das erste Jahr der „Einarbeitung“ voller Freude, voller neuer Impressionen und sehr intensiv – und dafür bin ich Bungart, dem gesamten BIV-Bundesvorstand, aber auch den Mitarbeitern der Geschäftsstelle zu großem Dank verpflichtet.

Wie interpretieren Sie Verbandsarbeit und welche Schwerpunkte möchten Sie setzen?

Wie Reinigung eine Dienstleistung im Sinne der Kunden ist, ist Verbandsarbeit eine Interessenvertretung im Sinne der Mitgliedsunternehmen, so einfach ist das. Die Konstanz der Mitgliederzahlen über die vergangenen Jahrzehnte hinweg unterstreicht dabei eindrucksvoll, dass die Arbeit des BIV und der Innungen wertgeschätzt und für sinnvoll erachtet wird. Diese erfolgreiche Arbeit möchte ich fortsetzen. Dazu gehört für mich der intensive Austausch mit dem Ehrenamt, denn die Unternehmen haben im Verband die Richtlinienkompetenz. Inhaltlich gilt es vor allem, die Tarifpolitik für unser Handwerk weiter attraktiv zu gestalten und die Informationspolitik für unsere Mitglieder optimal zu garantieren.

Als Politikwissenschaftler sehe ich zudem einen besonderen Schwerpunkt, unsere Interessen, Vorstellungen und Werte wirkungsvoll in die Vorhaben der politischen Entscheidungsträger mit einfließen zu lassen. Jede kleine Änderung im Arbeits- oder Sozialrecht hat enorme Auswirkungen auf Wirtschaftszweige mit ausgeprägten Lohn- und Lohnnebenkostenanteilen wie unsere. Daher ist es aus meiner Sicht wichtig, das bereits vorhandene Netzwerk von Branchen mit intensiven Dienstleistungsstrukturen zu stärken und diesem Gehör zu verschaffen.

Nach über einem Jahrzehnt als Geschäftsführer der Landesinnung Nordost sind Sie schon lange mit der Gebäudereiniger-Branche vertraut. Wie stark hat sich Deutschlands beschäftigungsstärkstes Handwerk seit der Corona-Pandemie verändert?

Nicht die Tätigkeit hat sich seit Frühjahr 2020 verändert, aber der konstruktivere Blick auf unser Handwerk – Stichwort Systemrelevanz. Dieses Imageplus zu nutzen, gehört mit zu unserer Aufgabe als Verband. Fest steht, dass die Pandemie der Gebäudereinigung ein neues Maß an

gesellschaftlicher Wertschätzung eingebracht hat. Ich bin sicher, so wie Corona einen nachhaltigen Eindruck in unserer Gesellschaft hinterlässt, so wird auch das Thema Reinigung wertschätzender erhalten bleiben.

In der Gebäudereinigung lassen sich immer wieder neue Trends beobachten: Wie stehen Sie zum Beispiel zur Tagesbegleitenden Reinigung?

Die Tagesreinigung ist zumindest für den BIV kein neuer Trend, wir werben seit vielen Jahren dafür. Denn deutlich mehr Menschen wären zum Beispiel an einer Tätigkeit im Gebäudereiniger-Handwerk interessiert, wenn verstärkt zusammenhängende Arbeitszeiten am Tag möglich wären. Zudem bedeutet Tagesreinigung mehr Sichtbarkeit und damit auch mehr Interesse für unser Handwerk.

In der Pandemie wollten viele Kunden sehr bewusst, zum Beispiel an Schulen oder in Büros, die Reinigung und Desinfektion im Tagesbetrieb. Insofern bedeutet Corona vielleicht auch Rückenwind für die Tagesreinigung. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass am Ende allein der Kunde entscheidet, wann er Reinigungsdienstleistungen bestellt.

Der BIV wirbt seit vielen Jahren für Tagesgleitende Reinigung, die seit der Corona-Pandemie immer häufiger nachgefragt wird.

Wie geht der BIV mit dem Arbeitskräftemangel um und wie wirkt er ihm entgegen?

Es gibt nicht die Antwort auf den Arbeitskräftemangel, sondern ganz unterschiedliche Schlüssel, die wir benutzen müssen: Stichwort Digitalisierung – gerade für junge, technikaffine Menschen kann unser Handwerk dadurch interessanter werden, womöglich auch für Azubis, um die wir alle gemeinsam weiter intensiv werben müssen. Ohne Frage wird Zuwanderung wichtiger, genauso wie es sinnvoll sein kann, verstärkt um Rentner zu werben, deren Hinzuverdienstmöglichkeiten die Bundesregierung jüngst verbessert hat.

Über Imagearbeit und Tagesreinigung haben wir bereits gesprochen. Politisch ist es zudem enorm wichtig, dass die „Ampel“, wie im Koalitionsvertrag angekündigt, endlich die Steuerkombination III/V für Ehepaare abschafft. In der Regel führt diese „Klischee“-Steuerkombination zu hohen Abschlägen bei den Ehefrauen und in der Praxis dazu, dass der Anreiz, mehr zu arbeiten, torpediert wird. Und last but not least geht es natürlich um attraktive Tarifkonditionen – hier haben wir als Verband und als Branche unsere Hausaufgaben gemacht.

Seit Oktober 2022 erhalten die Beschäftigten im Gebäudereiniger-Handwerk mehr Geld. Wie steht der Bundesinnungsverband zum neuen Tarifvertrag?

Der Hintergrund für die neuerlichen Verhandlungen mit der IG BAU im Frühsommer 2022 ist natürlich verheerend: Denn die Bundesregierung hat mit der politischen Festsetzung des gesetzlichen Mindestlohns auf 12 Euro in etliche bestehende Tarifverträge wie bei uns eingegriffen. Wir hoffen, dass die Politik künftig Wort hält und der Tarifautonomie nicht erneut einen solchen Bärendienst erweist.

Ansonsten hat unser Bundesinnungsmeister Thomas Dietrich erklärt, dass es zum „Markenkern“ unserer Tarifpolitik gehört, dass unser allgemeinverbindlicher Branchenmindestlohn für Lohngruppe 1 deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn rangieren muss. Mit 13 Euro haben wir Wort gehalten, auch wenn diese Lohnerhöhung von 12,55 Prozent für die Unternehmen ohne Frage herausfordernd war.

Welche Herausforderungen werden die Branche in den nächsten drei bis fünf Jahren beschäftigen?

Über zwei zentrale Themen haben wir bereits gesprochen: Personalmangel und Digitalisierung. Der dritte Mega-Trend ist Nachhaltigkeit beziehungsweise Klimaschutz. Ob Reduktion des Energieverbrauchs, Umstellung auf Photovoltaik, ob umweltschonende Arbeitsstoffe oder Vermeidung von Plastik – auch dieser

Themenkomplex wird nicht nur unser Handwerk, sondern unsere gesamte Gesellschaft in den kommenden Jahren massiv verändern. Auch hier ist zu beobachten, dass sich die Betriebe dieser Herausforderung kreativ und lösungsorientiert stellen.

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