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„Die Reinigung ist eine präventive Maßnahme der Hygiene“

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Leitinterview mit Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow

Prof. Dr. Klaus-Dieter Zastrow ist Facharzt für Hygiene. Am Robert-Koch-Institut leitete er das Fachgebiet „Übertragbare Krankheiten, Impfwesen und Krankenhaushygiene“ und war Geschäftsführer der ständigen Impfkommission. Heute ist er als Chefarzt im Hygiene-Institut der REGIOMED-Klinken in Coburg tätig. Im Interview mit Piepenbrock Panorama spricht Dr. Zastrow über die Bedeutung der Reinigung für Gesundheit und Wohlbefinden.

Welche Bedeutung kommt dem Thema Reinigung zu – insbesondere jetzt in der Corona-Krise?

Die Reinigung dient zuallererst natürlich der Beseitigung von Schmutz und damit auch von Mikroorganismen und Krankheitserregern. Zusätzlich ist die Reinigung wichtig für das persönliche Wohlbefinden, jeder fühlt sich in einer sauberen Umgebung deutlich besser und wohler als in einem – auf gut deutsch gesagt – Drecksstall. In der Krankenhausreinigung, der desinfizierenden Reinigung, kommt noch die Abtötung von Keimen hinzu. Das ist wichtig, um das Umfeld des Patienten möglichst keimfrei zu halten. Es geht ja nicht nur um „echte“ Krankheitserreger.

Aber im Krankenhaus befinden sich Patienten mit offenen Wunden, die Eintrittspforten darstellen, sodass jeder Keim – auch ganz normale physiologische Keime, die jeder Mensch mit sich herumträgt – direkt in die Blutbahn gelangen und dann zu Problemen führen. Da geht es natürlich nicht um Pest und Cholera und in der Regel auch nicht um Corona. Aber diese Keime sind natürlich gefährlich, wenn sie direkt in den Patienten hineingelangen können, durch offene Wunden, Katheter oder Beatmungsgeräte. Und genau das versucht man mit der Reinigung zu unterbinden, indem man die Schmutzpartikel entfernt und Keime durch Desinfektion abtötet. Die Reinigung ist also eine präventive Maßnahme der Hygiene.

Warum ist eine professionelle Reinigung so wichtig?

Durch eine gute Reinigung und eine saubere Umgebung wird ein Vertrauensbereich geschaffen – das gilt für das Krankenhaus, aber auch für ein Büro. Wenn es sehr schmutzig ist, das heißt, es wurde nicht vernünftig gereinigt, dann hat man natürlich auch ein bisschen Sorge, zum Beispiel, dass man sich anstecken könnte.

Und das ist für jeden Menschen eine unangenehme Situation, in der man sich nicht wohlfühlt. Das heißt, man hat das Bedürfnis wegzukommen, kann es aber nicht. Und das sorgt für Stress – der beeinflusst das Immunsystem negativ. Unsere Abwehrlage wird also geschwächt und das begünstigt Infektionen. Das ist natürlich insbesondere im Krankenhaus sehr schlecht, aber auch im normalen Arbeitsumfeld ungünstig.

In den letzten Jahren haben viele Auftraggeber die Reinigung immer weiter heruntergefahren, Intervalle immer weiter gestreckt und vielfach Einsparungen vorgenommen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Das ist natürlich eine ganz ungünstige Entwicklung. Wo nicht regelmäßig gereinigt wird, sammelt sich Schmutz an und damit natürlich auch Mikroorganismen und Krankheitserreger. Und die Infektionsgefahr steigt. Und ja, das wollen wir natürlich vermeiden. Wenn die Reinigungsfrequenz oder die Intensität runtergeschraubt wurde, ist das für den Patienten im Krankenhaus nicht gut.

Das Gleiche gilt für das Büro, die Verwaltung und ähnliches. Wenn der Mitarbeiter ein schmutziges Büro vorfindet, wird er das nicht gerade schätzen und sich dort nicht mehr wohlfühlen. Und das wirkt sich dann auch wieder negativ auf das Immunsystem aus. Denn er muss ja hingehen, um Geld zu verdienen, oder er muss kündigen.

Brauchen wir hier ein Umdenken bei den Auftraggebern?

Meiner Meinung nach brauchen wir das unbedingt! Vielleicht führt ja gerade die aktuelle Situation mit COVID-19 dazu, jetzt, wo die Gesundheit so im Vordergrund steht. Dass aufgrund der Gesundheit vieler sogar die gesamte Wirtschaft heruntergefahren wird.

Die Situation führt bestenfalls zu einem Umdenken, dahin, dass die Reinigung wichtig ist und Intervalle eher erhöht als eingespart werden sollte. Hier müssen wir auch in Zukunft weitermachen, die Reinigung erweitern, um so Mitarbeiter und Patienten noch besser vor Infektionskrankheiten schützen zu können.

 

Was empfehlen Sie mit Blick auf die Zeit nach der Pandemie?

Im Gesundheitsbereich muss auf jeden Fall vernünftig desinfiziert und gereinigt werden, auch mit viruziden Mitteln. Und die Zeiten zwischen den Reinigungszyklen sollten nicht zu groß sein. Eine Sichtreinigung halte ich für ungeeignet, vielmehr sollte eine durchgängige Reinigung erfolgen:

Ist Betrieb im Krankenhaus, sollte auch gereinigt werden. Das Gleiche gilt für Büro- und Verwaltungsflächen. Ist das Büro jeden Tag besetzt, dann sollte auch jeden Tag eine angemessene Reinigung erfolgen.

Denken Sie, dass sich auch im Bewusstsein der Gesellschaft durch die Pandemie etwas geändert hat? Dass die Reinigung und Reinigungskräfte anders wertgeschätzt werden?

Das kann ich mir gut vorstellen. Wie lange es dann anhält, das ist eher die Frage – wie schnell hat man wieder vergessen, wie kalt der Winter war oder wie unangenehm die Pandemie. Also kann es durchaus sein, dass die Wertschätzung noch ein oder zwei Jahre so bestehen bleibt und dann wieder verschwindet. Erinnern Sie sich daran, dass man ungefähr ein Drittel der Krankenhausbetten abschaffen wollte? Weil die Krankenhäuser nicht ausgelastet wären? Auf diese Idee würde im Moment kein Mensch kommen. Aber auch das kann in zwei Jahren dann schon wieder anders sein. Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass auch nach der Pandemie alles in geregelten Maßen abläuft, also ausreichend Ärzte da sind und genug gut ausgebildetes Pflegepersonal.

Ebenso in der Gebäudereinigung: Wir brauchen auf Sicht gute, ausgebildete Leute. Wir schaffen ja auch nicht die Feuerwehr ab, nur weil es einmal nicht gebrannt hat. Und wie die Feuerwehr, die zwischendurch auf der Wache sitzt, aber eben auch da ist, wenn es brennt. Sie können nicht erst anfangen, Feuerwehrleute auszubilden, wenn es schon brennt. Ich denke, mit Blick auf die Reinigung fehlt oftmals die Wertschätzung als solche. Das ist schon eine gesellschaftspolitische Diskussion. Ich würde mir wünschen, dass in der Gesellschaft mehr darüber nachgedacht wird, wie gehe ich mit den Leuten um, damit sie sich wertgeschätzt fühlen? Das würde schon eine Menge ändern.

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