„Unternehmen müssen in Sicherheitsfragen selbst vorsorgen“

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„Unternehmen müssen in Sicherheitsfragen selbst vorsorgen“

Dr. Harald Olschok ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Sicherheitswirtschaft (BDSW) und seit mehr als 25 Jahren in der Sicherheitsbranche tätig. Im Gespräch mit Piepenbrock Panorama spricht er über die Tarifentwicklung, das Image des Sicherheitsgewerbes und aktuelle Herausforderungen der Branche, beispielsweise durch die fortschreitende Digitalisierung.

Wie sieht die aktuelle Lage im Sicherheitsgewerbe aus? Weisen Unternehmen und gesellschaftliche Organe in Zeiten von Terroranschlägen und gewaltbereiten Demonstranten ein steigendes Sicherheitsbedürfnis auf?

Nachdem wir in den Jahren 2015 und 2016 einen regelrechten Boom der Branche infolge des Flüchtlingszustroms erlebt haben und der Umsatz um 40 Prozent gestiegen ist, gab es im Jahr 2017 nach ersten Schätzungen einen leichten Rückgang von vier bis fünf Prozent. Der Trend ist jedoch unverändert positiv.

Das Sicherheitsbedürfnis ist groß und steigt weiter, sei es im Veranstaltungsschutz, im öffentlichen Personenverkehr oder auch im Werk- und Objektschutz. Auch das wachsende Problem der Einbruchkriminalität trägt zum Wachstum unserer Branche bei, die inzwischen 260 000 Beschäftigte zählt.

In welcher Form arbeitet der private Sicherheitssektor mit den staatlichen Organen wie der Polizei zusammen, um für noch mehr Sicherheit zu sorgen?

Auf einer informellen Ebene hat sich die Zusammenarbeit zwischen uns und der Polizei in den Letzten 20 Jahren deutlich verbessert, was sicherlich auch mit der starken Professionalisierung unserer Branche zu tun hat. Wir haben zwei Ausbildungsberufe und Studiengänge im Sicherheitsmanagement geschaffen. Diese Entwicklung erkennt die Polizei auch an. Mit Polizeibehörden bzw. Innenministerien in zehn Bundesländern gibt es formale Kooperationsvereinbarungen zum Austausch von Informationen.

Im Koalitionsvertrag der Regierung ist erstmals explizit erwähnt, dass private Sicherheitsunternehmen einen wichtigen Beitrag für die Sicherheit in Deutschland leisten. Ein klares Bekenntnis der Politik. Die Unternehmen sind mehr denn je gefordert, in Sicherheitsfragen selbst vorzusorgen und nicht nur auf den Staat zu vertrauen.

Trotz der politischen Anerkennung herrscht oft noch ein eher negatives Image von privaten Sicherheitsdiensten vor. Wie beurteilen Sie das und was tut der BDSW, um dem entgegenzuwirken?

Wir müssen zwischen der öffentlichen Meinung und der veröffentlichten Meinung unterscheiden. Wir kommen natürlich immer dann in die Schlagzeilen, wenn es um Missstände geht. Über die zehntausende von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Tag für Tag und Nacht für Nacht einen ordentlichen Job machen wird nicht berichtet. Mehrere Umfragen des Verbandes haben dagegen ergeben, dass die Meinung der Bevölkerung zu unserer Branche gar nicht so schlecht ist.

Es wird die Notwendigkeit gesehen, die Polizei zumindest bei beistimmen Aufgaben zu entlasten. Diese Anerkennung ist ein positiv, denn die Mitarbeiter in unserer Branche leben ja von ihrer Persönlichkeit und der Anerkennung, die ihnen entgegengebracht wird.

Damit bringen Sie bereits zum Ausdruck, dass in der privaten Sicherheitswirtschaft das Personal und seine Qualifikation der entscheidende Faktor ist. Wie schaffen es Unternehmen in Zeiten des Fachkräftemangels dennoch geeignete Mitarbeiter zu finden und wie unterstützt der BDSW sie dabei?

Zum einen veröffentlichen wir beispielsweise seit vielen Jahren unsere Broschüre „111 Tätigkeiten in der Sicherheitswirtschaft“. Damit wollen wir über die Vielfalt der von unseren Beschäftigten wahrgenommenen Aufgaben informieren. Eine kräftige Lohnerhöhung ist natürlich auch ein Mittel, die Attraktivität einer Branche für Arbeitnehmer zu erhöhen. Dies ist in den letzten Jahren auch passiert. Ein Problem können sie damit allerdings nicht beheben: die Lage der Arbeitszeiten.

Nachtarbeit und Wochenendschichten sind gewerbetypisch und ein strukturelles Defizit der Sicherheitsbranche. Das können wir mit Lohnpolitik alleine nicht beheben. Die Gewinnung von geeigneten Arbeitskräften ist die zentrale Herausforderung für unsere Branche. Warum sollten wir deshalb beispielsweise nicht auch Flüchtlinge rekrutieren, wenn die Zuverlässigkeit gegeben und deutsche Sprachkenntnisse vorhanden sind?

„Unternehmen müssen in Sicherheitsfragen selbst vorsorgen“

Kritische Infrastruktur wie der Deutsche Bundestag erfordern ein Höchstmaß an Sicherheitsvorkehrungen. (Bild: Piepenbrock)

Ist der aktuelle Tariflohn für die Branche Ihrer Meinung nach angemessen, gerade in Anbetracht von Wochenendschichten und Nachtarbeit?

Ich hatte bereits erwähnt, dass die Löhne in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Mit Beginn des nächsten Jahres wird es kein Bundesland geben, in dem weniger als zehn Euro Stundengrundlohn ohne Zuschläge und Zulagen gezahlt werden. Wir haben ein sehr differenziertes Tarifsystem mit insgesamt 450 Lohngruppen mit den Gewerkschaften entwickelt.

Die Entlohnung richtete sich nach den ausgeübten Tätigkeiten oder Qualifikationen. In der Luftsicherheit liegt der Stundenlohn zum Beispiel bei 17 Euro, das ist schon ein sehr hoher Lohn. Alle weiteren Tätigkeiten bewegen sich zwischen zehn und 17 Euro in der Stunde. Auch damit liegen wir deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Sicherheitswirtschaft?

Dieses Thema ist neben der Suche nach geeigneten Mitarbeitern die größte Herausforderung unserer Branche. Das Zusammenspiel der Dienstleistung mit moderner, hocheffizienter und immer preiswerter werdenden Sicherheitstechnik wird uns in den nächsten Jahren stark beschäftigen. Wenn zum Beispiel im Werkschutz zunehmend auch Videokameras und Drohnen eingesetzt werden, müssen die Mitarbeiter mit dieser Technik auch umgehen können.

Die Dienstleister sind gefordert in die Aus-, Fort- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Denkbar sind auch Partnerschaften mit Technikfirmen, um ein Gesamtpaket „Integrierte Sicherheit“ anbieten zu können.

Welche Vorteile ergeben sich insgesamt für Unternehmen, die einen Sicherheitsauftrag auslagern und einen spezialisierten Dienstleister engagieren?

Für unsere Kunden ist der klare Vorteil, dass sie sich mit der Frage des Personals, das die Sicherheit rund um die Uhr gewährleistet, nicht mehr befassen müssen. Unsere Branche ist zudem sehr viel professioneller geworden und durch die moderne Dokumentationstechnik transparent für die Auftraggeber.

Außerdem schützen wir unsere Kunden nicht nur vor Kriminalität, sondern auch vor anderen Risiken wie Schäden durch Feuer und Wasser. Dieses breite Spektrum macht die Kompetenz unsere Branche aus und stellt einen Mehrwert für unsere Kunden dar. Wir haben eine „Generalfunktion zur Risikominimierung".

Was sind die Aufgaben innerhalb der Branche, die der BDSW wahrnimmt und wie profitieren die Mitglieder von der Zusammenarbeit mit dem Verband?

Unsere Hauptaufgabe ist neben der Interessenpolitik vor allem die Tarifpolitik. Unsere Arbeit wird offensichtlich anerkannt. Wir haben fast 1 000 Mitgliedsunternehmen. Deren Marktanteil liegt bei ca. 75 Prozent, deshalb benötigen wir eine kompetente Geschäftsführung. Historisch bedingt ist unsere Tarifpolitik dezentral ausgerichtet und damit die Hauptaufgabe unserer Landesgruppen. Darüber hinaus arbeiten wir kontinuierlich an der Verbesserung von Standards, beispielweise haben wir vor drei Jahren einen Leitfaden zum Schutz von Flüchtlingsunterkünften herausgegeben. Auch in der Gewinnung von Mitarbeitern unterstützten wir unsere Mitgliedsunternehmen, indem wir auf die vielfältigen Ausbildungsangebote hinweisen oder beispielsweise ausscheidende Zeitsoldaten über Berufsperspektiven in der Sicherheitswirtschaft informieren

Das ist eine wichtige Zielgruppe für unsere Mitglieder. Außerdem befinden wir uns stetig im Dialog mit der Politik, um die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit zu verbessern. Der Gewerbezugang muss verschärft und Qualitätskriterien müssen weiterentwickelt werden. Letztendlich möchte ich aber auch die im BDSW organisierten Sicherheitsdienstleister selbst in die Pflicht nehmen. Der Verband kann das Branchenimage nicht im Alleingang verändern. Daher sind Unternehmen wie Piepenbrock gefordert, in den sozialen Medien oder anderen Kanälen positiv über die Vielfalt und Leistungsfähigkeit unsere Branche zu berichten. Gemeinsam müssen wir die gesellschaftliche Wahrnehmung von privater Sicherheit verändern, dann wird es für die Sicherheitsunternehmen auch einfacher, geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für eine spannende Branche zu gewinnen.

Sie interessieren sich für unsere Leistungen in der Sicherheit? Nehmen Sie noch heute Kontakt zu uns auf.