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„Wir müssen Nachhaltigkeit vorleben“

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Reinhold Messner Portraitbild

Er erklomm alle 14 Achttausender der Erde, bestieg den Mount Everest allein und ohne Flaschensauerstoff und durchquerte die Antarktis, Grönland und die Wüste Gobi: Reinhold Messner. Heute leitet er mehrere Museen und ist als Buchautor und Redner gefragt. Im Interview mit Piepenbrock Panorama spricht er über seinen Antrieb, Grenzen zu verschieben und die Herausforderungen, die der Klimawandel mit sich bringt.

"Meine größte Leistung ist und bleibt wohl, dass ich überlebt habe. Das ist im Grunde ein Wunder, an die 100 Expeditionen zu überleben. An die Grenzen des Möglichen zu gehen, kostet sehr viel Vorbereitung und natürlich auch Vorsicht. Und es braucht auch ein bisschen Glück, sonst ist das nicht möglich."

Was trieb und treibt Sie immer noch an, an Grenzen zu gehen und diese zu überschreiten?

Diese Geschichte muss man aus zwei Richtungen sehen. Erstens ist es uns nicht möglich, die eigenen Grenzen zu überschreiten, das ist nur ein Schlagwort, eine leere Hülse. Wenn ich 100 Meter in zehn Sekunden laufe und dabei am Limit bin, kann ich die Strecke nicht morgen in acht Sekunden laufen. Das geht nicht. Aber natürlich gibt es allgemeine Grenzen, subjektive Grenzen. So ist es auch im Alpinismus, der sich seit 250 Jahren immer weiter entwickelt – einzig nach der Prämisse „möglich oder unmöglich“. Jede neue Generation versucht möglich zu machen, was die vorherige Generation als unmöglich deklariert hat.

Auf diese Weise verschieben sich Grenzen, auch durch bessere Ausrüstung, besseres Training und mehr Erfahrung. Ich war vor allem jemand, der Grenzen durchbrochen hat. Das heißt, mir ist es in vielen Punkten gelungen zu zeigen, dass einiges von dem, was vorherige Genrationen als unmöglich bezeichneten, eben doch möglich ist. Wie zum Beispiel ohne Sauerstoff oder alleine auf einen Achttausender zu steigen oder zu Fuß die Antarktis zu durchqueren.

Wie bereitet man sich auf derart extreme Dinge vor und wie geht man sie dann letztendlich an?

Zunächst habe ich eine Vision, von dem, was ich tun will. Diese Vision wird dann zu einem Projekt. Am wichtigsten ist das Studium meiner Vorgänger. Wenn ich also zum Beispiel die Antarktis durchqueren will, informiere ich mich über die Geschichte von Amundsen und Scott. Das verinnerliche ich so tief, dass ich das Gefühl habe, dabei gewesen zu sein. Das ist eigentlich die wichtigste Vorbereitung. Ich muss ganz genau wissen, was mich erwartet, an Gefahren, Schwierigkeiten und Widerständen. Dann geht es darum, nicht psychisch vor den realen Naturerscheinungen zusammenzubrechen.

Wenn ich gut vorbereitet und auch gut trainiert bin, kann ich so ein Abenteuer auch geistig durchstehen. Am Ende entscheidet die mentale Stärke. Mit mentaler Kraft und genug Motivation kann man mehr aus sich herausholen, als man selbst für möglich hält. Wichtig ist auch, dass man für sein Tun die richtige Phase im Leben findet. Ich bin vom Felskletterer zum Höhenkletterer und dann zum Grenzgänger in der Horizontalen mutiert. Jetzt bin ich ein Geschichtenerzähler. Ich hätte diese Dinge in keiner anderen Lebensphase tun können, als der, in der ich sie getan habe.

Sie sind ein sehr naturverbundener Mensch, der aber auch die Herausforderungen der Natur sucht und gesucht hat. Woraus resultiert diese Verbundenheit?

Mein Spannungsverhältnis ist wirklich das zwischen Mensch und Natur, das Sportliche interessiert mich dabei eigentlich nicht. Im Grunde habe ich Ideen, die ich umsetze. Mein Tun ist dabei absolut unnütz für die Allgemeinheit, aber ich selbst gebe diesem Tun einen Sinn. Diese Herausforderungen, die die Natur bietet, anzugehen, wird für mich absolut sinnvoll, weil ich das Ganze immer auf eine kulturelle Basis gestellt habe.

Ich habe also die Gesamtheit betrachtet, wie die Menschen vor mir auf diese Herausforderungen reagiert haben und versucht haben, sie zu bewältigen. Für mich war es dann einfach wichtig, Teil dieses Narrativs zu werden.

Reinhold Messner pflanzt einen Baum

Reinhold Messner pflanzt auf der Jubiläumsveranstaltung im Unternehmensforst gemeinsam mit Piepenbrock einen Baum (Bild: Piepenbrock Unternehmensgruppe GmbH + Co. KG/Uwe Halling).

Wie haben Sie auch im Kontext Ihrer Expeditionen Zeichen und Auswirkungen des Klimawandels erlebt und wie bewerten Sie diese?

Zunächst bin ich natürlich kein Experte für diese Themen und wandere auch nicht durch die Antarktis, um gegen den Klimawandel zu rebellieren. Aber natürlich kann ich, wenn ich durch die Antarktis wandere, feststellen, was dort ökologisch passiert. Oder ich sehe, wenn ich auf hohen Bergen stehe, wie am Fuß die Gletscher wegschmelzen. Davon kann ich dann auch erzählen, das gehört dann zur Geschichte dazu. Und diese Erlebnisse haben mich auch sehr früh dazu gebracht, mich mit gewissen Fragen auseinanderzusetzen: Was machen wir, um keine Schäden im Gebirge oder der Wildnis zu hinterlassen? In erster Linie geht es dabei um Verzicht. Auf alles, was wir weglassen können, sollten wir verzichten.

Ich bin an der Stelle auch kein Konsument. Stattdessen finde ich, dass wir alle lernen sollten, ein bisschen mehr zu verzichten und uns an der einen oder anderen Stelle aktiv einzuschränken. Ich habe sehr früh für mich erkannt, dass ich mich nur noch steigern kann, wenn ich verzichte. Möchte ich durch die Antarktis wandern und in einem geheizten Zelt schlafen, kann ich die nötigen Energiemengen niemals mitführen. Nur indem ich auf Annehmlichkeiten verzichte, kann ich wirklich große Abenteuer erleben. Das habe ich von meinen Expeditionen mitgenommen und das gebe ich auch immer gerne weiter.

Was können Einzelpersonen oder auch Unternehmen tun, um die Umwelt zu schützen bzw. zu schonen und nachhaltiger zu agieren?

Zum einen geht es um den Energieverbrauch. Der sollte auf ein Minimum heruntergeschraubt werden. Wenn ich nicht mit dem Auto fahren muss, fahre ich nicht mit dem Auto. Wir müssen lernen, welche Technologie wir wo einsetzen – und wo sie sinnvoll eingesetzt wird. Da sollten auch die Politiker den Technikern zuhören, um entsprechende Gesetze zu machen. Der zweite Punkt ist ein minimaler Ressourcenverbrauch, kombiniert mit Recycling und Upcycling. Da geht es auch darum, bestehenden Strukturen einen neuen Wert zu geben und Vorhandenes in einem neuen Kontext zu nutzen.

Ich plane derzeit, eine alte Seilbahnstation in ein Felsmuseum umzubauen. Es muss kein Stahl transportiert werden und auch sonst werden fast keine Ressourcen und wenig Energie verbraucht. Trotzdem kann ich dort ein perfektes Felsmuseum errichten. Leider ist an vielen Stellen noch nicht genug Verständnis für Nachhaltigkeit und nachhaltiges Handeln gegeben. Da kann man es nur immer wieder vormachen, um auf diese Weise das Verständnis zu fördern. Meine Geschichten und Erlebnisse sind ein Instrument, mit dem ich Dinge erklären kann. Und wenn ich es richtig erkläre, versteht auch jeder, worum es geht.

Wie bewerten Sie in diesem Kontext die Maßnahmen von Piepenbrock, beispielsweise einen Unternehmensforst zu bewirtschaften und aufzuforsten und Bäume für Neuaufträge mit seinen Kunden zu pflanzen

Der Begriff der Nachhaltigkeit kommt ja auch aus der Forstwirtschaft und ist dort auch am leichtesten verständlich. Heute weiß man noch viel mehr als früher, wie wichtig Wälder sind.

Nicht nur, weil wir Holz für vieles benutzen, sondern auch weil diese Wälder einen wesentlichen Beitrag zur Klimaentwicklung und gegen die globale Erwärmung leisten.

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